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Prof. Dr. Ingeborg Reichle · projekte · junges forum
IMAGE MATCH
Visueller Transfer, »imagescapes« und Intervisualität in globalen Bild-Kulturen

Junges Forum für Bildwissenschaft V
9. bis 11. Juni 2010

Tagung der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Bildkulturen der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften

Deadline für Vorschläge: 18. April 2010

Wissenschaftliche Konzeption und Organisation

Dr. des. Martina Baleva, Prof. Dr. Ingeborg Reichle und
Oliver Lerone Schultz, M. A.
Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften
Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Bildkulturen
Jägerstraße 22/23
D-10117 Berlin


Inhalt
Im Zuge der Globalisierung geraten Bilder gegenwärtig mitsamt den sie tragenden Kulturen in neuer und massenhafter Weise in Bewegung: Bilder werden Teil transnationaler und transregionaler Migration, fließen millionenfach durch neue globale Kommunikationskanäle, sind gebunden an neue Perspektivitäten, an Vektoren und Beweglichkeiten - und fusionieren ununterbrochen zwischen sozio-kulturellen Domänen, Teilkulturen oder vormals separierten Bedeutungsräumen. Bilder und visuelle Ensembles werden in der Folge vermehrt zu Trägern, »Orten« oder auch symptomatischen Indizes kultureller Austausch-Bewegungen. Schon ist stellenweise von »flowing images« die Rede, die nicht zuletzt in Phänomenen der »Global Art« und vielen Bereichen der Naturwissenschaften bereits sichtbar sind. In diesen von jeher bedeutsamen Bewegungen der Bilder und Bildkulturen entstehen nicht nur neue Bildformen, sondern darüber hinaus auch »third spaces« (Edward Soja) von Bildern in den Transferräumen - d. h. neue, reale und virtuelle Bildarchive, Bildmärkte und visuelle Bühnen. Mit ihnen formen sich spezifische transkulturelle Bildensembles und neue Interpretationsgemeinschaften im Sinne von Bildkulturen, in denen diese vielfältigen visuellen und ikonischen Begegnungen kultiviert, enkulturiert oder verhandelt werden. Einzelne Bildkulturen wie etwa Street Art, Fotomontage oder das VJing (Visual Jockeys), Kino-Remakes mit ihren Übersetzungen über kulturelle Großräume, islamische Superheldencomics u. ä. lassen sich inhärent nur in ihren kulturellen Übertragungen von einem Bildraum in den anderen deuten. Aber auch »traditionelle« Bildkulturen der sogenannten Hochkultur und die tradierten Bildmedien sind in ihren visuellen Referenzen oft nur durch ihre Übertragungen aus anderen Bildbeständen zu verstehen.

IMAGE MATCH stellt die Frage nach den Neubestimmungen einer Bildwissenschaft unter den Bedingungen der massenhaften und mitunter bewusst bzw. reflexiv stattfindenden Bildtransfers zwischen bestehenden Bildkulturen. Fokussiert werden sollen da-bei neu entstehende Gleichzeitigkeiten und Verkoppelungen zwischen kulturellem und bildlichem Raum und damit zwischen unterschiedlichen, sich jedoch ergänzenden Perspektiven des praktischen Sehens. Inwieweit muss die Idee der kulturellen (Bild-)Produktion bspw. von der Dublette »Making« und »Matching« (McLuhan) um ein »Mixing« ergänzt werden? Was ist, wenn Bilder - und Medien überhaupt - Zeit und Raum nicht überwinden, sondern kulturelle Akteure und Bedeutungsräume vielmehr verflechten? Was bedeuten Bilder gerade im Austausch - in oder nach einem anspruchsvollen Transfer? Welche Bedeutungen entstehen in Sphären, die als Drehkreuz zirkulierender Bilder, sich überkreuzender Bildachsen und produktiver Hybridisierungen verstanden werden? Wie verstehen sich »Meta-Bilder« (W.J.T. Mitchell), wenn man sie nicht einfach als Orte beliebig verschachtelter Bildlichkeiten, sondern gleichzeitig auch als Räume kultureller Überlagerungen betrachtet? Welche Art von »Frames« bestimmen Bilder, die die Rahmen einer Kultur überschreiten, um sich behaftet mit den Spuren ihres Ur-Sprungs in neue kulturelle Bedeutungsräume einzuzeichnen? Wie bestimmen sich kulturelle und bildliche Perspektivenübernahmen gegenseitig bzw. inwieweit sind sie überhaupt unterscheidbar? Gefragt wird nach den damit einhergehenden und neu entstehenden hybriden kulturellen Bildpraktiken und Bildsystematiken sowie nach dem Einfluss auf den Status je bestehender »alter«, etablierter Bilddomänen -- also auch nach der historischen Entwicklung und Veränderung von Bildkognition selbst.

Bild-Bedeutung im Transfer Ein zentraler Begriff der Fragestellung des diesjährigen »Jungen Forums für Bildwissenschaft« ist der des »Transfers« als einer zunehmend durchgängigen Größe allgemeiner Lebenserfahrung und -praxis für ganz unterschiedliche Gruppen von Akteuren und einer umfassend sich geltend machenden Realität der neuen Informations- und Kommunikationsverhältnisse: soziale Netzwerke, weltumspannende Imagepools, neue Verfügbarkeiten von Kommunikationskanälen, wachsende multidimensionale Mobilitäten, globale kulturelle Märkte. All dies führt zu neuen, teilweise inzwischen alltäglichen Übertragungen. Als Topos wie auch als anspruchsvolle methodische Herausforderung an einen rein kulturvergleichenden und komparatistischen Zugriff wird »Transfer« bereits seit Längerem in den Literaturwissenschaften verhandelt. Ähnliches zeichnet sich in ersten Umrissen für die Bildwissenschaften ab, in denen die Thematisierungen und Programmatiken einer »Intervisualität« oder »Interikonizität« bereits in Ansätzen diskutiert werden. Fragen nach »Transfer« und »Intervisualität« können mit der Betrachtung transversaler Kulturalität verknüpft und im Sinne einer systematischen Neufassung des Kulturellen unter den Bedingungen der Globalisierung verhandelt werden. Die Bedeutung von »Transfer« und »Perspektivenübernahme« für komplexere kulturelle Prozesse wie die des Lernens, des Dialogs oder der Empathie sollen dabei bewusst mitgedacht werden. Auch der »Kampf der Kulturen« bietet eine Gegenfolie für die hier eingenommene Blickrichtung.

»Intervisualität«, »Imagescapes« und die Eigenwertigkeiten neuer Bild-Kulturen In diesem Rahmen stellt sich ebenso die Frage nach der kulturellen Bedeutung von Bildtransfers. In reflexiven Bildprozessen - von denen man in Zeiten eines millionenfachen Gebrauchs von Bildern und einer Massenkultur der Bildproduktion und -rezeption ausgehen muss - finden an den verschiedenartigsten kulturellen Übergangsstellen Bildtransfers statt, in deren Vollzug sich die Akteure bewusst mit verschiedenen Formen von Bildlichkeit auseinandersetzen. Wo von »user-generated content«, sozialen Netzwerken und Partizipationskulturen die Rede ist, muss auch eine Kultur des Transfers als eines emphatischen und expliziten Bildgebrauchs angenommen werden. Ausgegangen werden muss also auch von Aneignungen, die von den Akteuren mehr oder weniger bewusst erörtert und geprägt werden und in denen sich Taktiken, Strategien und operative Kulturen ausbilden, auch als Auseinandersetzung mit den übernommenen Bildern und deren heterogener Kulturalität. In diesen Prozessen der Fusion, Montage, Entlehnung und der impliziten wie expliziten Bilddialoge werden nicht nur bestehende Kontexte überbrückt und vermittelt, sondern es entsteht immer auch ein neuer, dritter und übergeordneter Kontext. Innerhalb der übertragenen Aneignung bestehender Bildmotive, -bestände und -repertoires tritt mit diesen Übersetzungen von Bildwahrnehmungen und Bildhandlungen immer auch eine Repositionierung von kulturellen Subjekten in Erscheinung. Die Frage nach einer »globalen Bildkultur« erhält eine neue Konfiguration, wenn der Fundamentalperspektive der »Intertextualität« eine kulturell verstandene »Intervisualität« an die Seite gestellt wird und wenn neben die Erkenntnis von globalen »ideascapes« oder »mediascapes« auch die von im Austausch allererst entstehenden »imagescapes« tritt. Auch umgekehrt scheint die Bestimmung solch gearteter neuer intervisueller Bildzusammenhänge ein vielversprechender Zugang zu der Frage nach einer Bestimmung des Umfangs, des Charakters und der aktuellen Erscheinungsformen von »Kultur(en)« in global verfassten Gesellschaften.

Bildwissenschaftliche Transferleistung - auf dem Weg zu neuen Bildtheorien? Noch unbedacht sind bislang die Implikationen für eine Bildtheorie, wenn die Referenzordnungen der Bilder und ihre klassischen Bildsemiotiken im Spannungsraum des Kulturtransfers ergänzt werden durch die inhärente Bedeutsamkeit ihrer kulturellen Verweise und eine Praxis der Verknüpfung sowie des expliziten Bezugs auf heterogene Sozial- und Bedeutungsräume. Richtet man den Blick dabei auf die Subjekte und Akteure der neuen Transfer-Bild-Kulturen als »Interpretanten« von Bildbedeutungen (im Sinne von C. S. Peirce), stellt sich die Frage nicht nur aus kultur- oder sozialwissenschaftlicher Sicht, sondern auch in ihrer weitreichenden Bedeutung für Grammatiken, Signifikationsweisen und Semiotiken des Bildlichen selbst. Ändert sich in einer globalen Transfer-Kultur Bildlichkeit selbst? Braucht eine globale Kultur, die sich als Verhandlungsraum von sich überkreuzenden und überlagernden Kulturen darstellt, eine neue Theorie, gar eine neue Methodik der Beschreibung, Analyse und Deutung des Bildlichen? Was bedeutet es für die Bildbedeutung, wenn Referenzen immer auch einen bestimmten und internalisierten Verweis auf Externes beinhalten, mit einem stereoskopen Blick der »zwei Kulturen« verbunden sind und in ihrer je bestimmten Verklammerung eine spezifische Aufhebung artikulieren? Welche Theorien erfassen gleichermaßen die neuen Bildlichkeiten und visuellen Perspektiven globalisierter Bildproduktion wie auch die verdichteten, vervielfältigten und beschleunigten Austauschbeziehungen, die sich hinter diesen Bildern verbergen? Welche Rolle spielen für kulturelle Transferbilder Konzepte, die sich kulturwissenschaftlich mit Transfers und Vermischungen verbinden - etwa Synkretismus, Patchwork, Fusion, Mixing, Mestizisierung, Kreolisierung Inwieweit wird eine neue Terminologie für die Analyse von Bild-Kulturen benötigt, in denen Originalität, Authentizität, Provenienz u. ä. keine originären Werte und Bezugsgrößen mehr sind? Erscheint am Horizont zukünftiger Welt-(Bild-)Kultur eine Bildwissenschaft, die sich systematisch auf Hybridität, Ambiguität, Interferenz, Resonanz, Anamorphose, Montage oder Puzzles bezieht? Oder müssen Bildsemiotiken gar grundlegend neu formuliert werden - als »cultural relations« vor dem Horizont dialogischer Methodologien?

Die Tagung
Vom 9. bis 11. Juni veranstaltet die Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Bildkulturen der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften zum fünften Mal ein »Junges Forum für Bildwissenschaft«. Die Tagung »IMAGE MATCH: Visueller Transfer, »imagescapes« und Intervisualität in globalen Bild-Kulturen« richtet sich insbesondere an Postdoktorand/innen und Doktorand/innen der Geistes-, Sozial- und Naturwissen-schaften. Sie soll Gelegenheit geben, die im Call for Papers formulierten Fragen aus einer dezidiert interdisziplinären Perspektive zu diskutieren.

Die Arbeitsgruppe
Mit der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Bildkulturen erforscht die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften mithilfe eines ganzen Spektrums von akademischen Disziplinen - von der Kunstgeschichte und Archäologie über Philosophie und Ethnologie, Japanologie und Sinologie, Ägyptologie und Theologie bis hin zu Mathematik, Biologie und Informatik - Phänomene transkultureller Bildkulturen in einer zunehmend globalisierten Bildwelt.

Für weitere Informationen zur Interdisziplinären Arbeitsgruppe Bildkulturen und zu den Tagungen sowie Publikationen des »Jungen Forums« in den Jahren 2006, 2007, 2008 und 2009 siehe
www.bbaw.de/bbaw/Forschung/Forschungsprojekte/Bildkulturen/

Einzureichende Unterlagen
Erbeten sind an die unten angegebene E-Mail-Adresse ein kurzes, nicht mehr als einseitiges Abstract für eine halbstündige Präsentation sowie ein knapper Lebenslauf mit Stichworten zu den Forschungsinteressen. Stichtag der Einsendung ist Sonntag, der 18. April 2010. Eine Publikation der Tagungsbeiträge wird erwogen. Die Erstattung von Reise- und Übernachtungskosten ist voraussichtlich möglich.

Einsendungen bitte an:
bildwissenschaft@bbaw.de
(Stichwort: Junges Forum)
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