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Perspektiven am Kunstgeschichtlichen Seminar der Humboldt Universität

Das WWW-Projekt Interaktive Homepage am Kunstgeschichtlichen Seminar der Humboldt-Universität (Lehrstuhl Prof. Dr. Horst Bredekamp) hat sich zur Unterstützung der Präsenzlehre der Problematik "medialer Brüche" im Kontext der Informationsverteilung an Kunstwissenschaftlichen Seminaren angenommen. Ziel ist die Entwicklung eines WWW-"Frameworks", das dem in der Erstellung von WWW-Seiten unerfahrenen Institutspersonal - Dozierenden und Studierenden - ermöglicht, eigenständig sowie zeit- und ortsunabhängig digitale Dokumente zu produzieren, zu verteilen und ggf. diese mit assoziierten Partnern auszutauschen. Die Inhalte der Instituts-Homepage präsentieren sich nicht mehr als konventionelle "statische" HTML-Seiten im Sinne einer Druckpublikation. Sie sind eher als dynamisch generierte Informationseinheiten (Objekte) aufzufassen, die in unterschiedlichen Kontexten der Website und in Gebrauchszusammenhängen, die durch den Benutzer definiert werden, spezifische Funktionen übernehmen können. Am Ende der Entwicklung steht eine Problemlösung, die, da vollständig als Open-Source-Infrastruktur realisiert, lizenzkostenfrei an interessierte Institute weitergegeben bzw. an abweichende Rahmenbedingungen (Layout, Corporate Identity) adapiert werden kann. Einerseits werden funktionale Kernmodule eigens für die Belange des Kunstgeschichtlichen Seminars entwickelt, andererseits erfolgt eine Anpassung vorhandener Applikationen, um eine nahtlose Integration in die nunmehr "interaktive" Homepage zu gewährleisten.


Aspekte des Projektes

Mediale Brüche, raum-zeitliche Unterbrechungen in der Weitergabe und Verarbeitung von Dokumenten (analog und digital), lassen sich sehr schön im Rahmen der Erstellung des kommentierten Vorlesungsverzeichnisse (KVV) für die Druck- und die WWW-Ausgabe veranschaulichen [Abb. 1]. Normalerweise haben wir es hierbei mit einer strikten Trennung von Produktionsprozessen zu tun: Das Sekretariat zeichnet als "Redaktion" einer gedruckten Ausgabe des KVV verantwortlich. Zunächst werden die per Email oder Diskette zugestellten Originalbeiträge der Autoren, d.h. die Veranstaltungsinformationen der Dozierenden und Institutsangehörigen, gesammelt. Im klassischen Textverarbeitungsprogramm editiert, korrigiert und als ganzheitliches Dokument gestaltet, gehen diese anschließend unter der Bezeichnung Kommentiertes Vorlesungsverzeichnis "in den Druck" (institutseigener Laserdrucker oder Druckerei). Schließlich werden die fertigen Druckexemplare an die Studierenden verteilt bzw. gegen einen geringen Obulus abgegeben. Das KVV existiert nunmehr als materiell abgeschlossene Einheit aus Papier, die nachträglich nicht mehr verändert werden kann. Autoren (Dozierende), Redaktion (Sekretariat), Öffentlichkeit (Studierende, Gast-/Zweithörer) einerseits und Medien andererseits (Papier, elektronische Dokumente) lassen sich sauber auseinanderhalten. Um nun noch zusätzlich im Nachhinein eine Online-Ausgabe desselben Dokuments zu erstellen, muss eine weitere mediale bzw. redaktionelle Unterbrechung des Informationsflusses in Kauf genommen werden. Das Sekretariat übergibt nun die Druckvorlagenfassung in Form der Textverarbeitungsdatei an eine Person, die aufgrund ihrer technischen Qualifikation (HTML-Programmierung) in der Lage ist, die digital vorliegenden Texte in die vorgegebene Struktur der Instituts-Homepage zu integrieren. Dies geschieht zeitversetzt und wiederum in einem Verfahren separater Erstellungs- und Publikationsprozesse (Editieren des Online-KVV in einem HTML-oder Texteditor, FTP-"Upload" der fertigen HTML-Seiten auf den WWW-Server des Instituts oder Universitäts-Rechenzentrums).

Der Nachteil einer solchen, konventionellen Lösung ergibt sich neben einer unnötigen personal-und zeitintensiven Belastung, die eine zeitlich und räumlich versetzte Aufrechterhaltung zweier medialer Systeme bedingt, aus einer Asynchronität von Druck-und Online-Informationen. So muss beispielsweise im Falle von Zeit-und Raumänderungen wiederum die technisch-geschulte Hilfskraft kontaktiert werden und die auf der Instituts-Homepage nachträglich abgelegten Informationen stimmen unter Umständen nie oder nur manchmal mit den am "Schwarzen Brett" hinterlegten Mitteilungen überein: eine auch unter juristischen Gesichtspunkten problematische Situation. Mediale und redaktionelle Brüche werden damit zum Charaketristikum einer auf statischer Informationsaktualisierung basierenden Instituts-Homepage.

Vor dem Hintergrund dieser alltagspraktischen Überlegungen wurde in der Konzeptionsphase des neuen Online-Angebots am Kunstgeschichtlichen Seminar von Anfang an die Installation eines Systems in Erwägung gezogen, das konsequent auf der dynamischen Generierung von Dokumenten basiert [Abb. 2]. Anstatt einzelne Dokumente für Druck- und Onlineversion separat und statisch zu publizieren bzw. publizieren zu lassen, werden nunmehr die gemeinsamen logischen Bestandteile, aus denen sich sowohl Druck- als auch Online-Dokumente zusammensetzen (Überschriften, Textkörper, Signaturen, Veranstaltungsnummern, etc.), von den Autoren in ein relationales Datenbanksystem eingefügt. Dies wird nicht mehr über den Weg der klassischen Textverarbeitung vorgenommen, sondern über ein klientenseitig im WWW-Browser abgebildetes Interface, das über eine WYSIWYG-Funktionalität (WYSIWYG="What you see is what you get") verfügt. Spezifische HTML-Kenntnisse zur Seitengenerierung, die zuvor die oben erwähnte Hilfskraft unverzichtbar machten, sind in diesem System nicht mehr notwendig. Zudem kann die Eingabe, da rein web-basiert, von jedem Ort vorgenommen werden, an dem sich ein Rechner mit Internetzugang und WWW-Browser befindet; eine physische Anwesenheit der Autoren im Seminar ist somit nicht zwingend erforderlich. Am Ende liegen keine kompakten, in sich abgeschlossenen Dokumenttypen vor, sondern logische Objekte, "Bruchstücke", die den Inhalt und die Form eines Dokuments erst auf eine ausdrückliche Datenbank-Anfrage hin dynamisch zusammensetzen - beispielsweise durch einen Besucher des Online-Angebots [Abb. 3].

An dieser Stelle wird der entscheidende Paradigmenwechsel vollzogen, mit Konsequenzen für den gesamten Prozess des Online- und Offline-Publizierens im Rahmen des Kunstgeschichtlichen Seminars: Anstatt konventionelle Texte zu verfassen, "füttern" Autoren in diesem Szenario eines "web-basierten Systems für das Management digitaler Inhalte" (WCMS = "Web based Content Management System") nunmehr eine Online-Datenbank. Auf Anfrage werden logische Informations-Einheiten nach Bedarf angefertigt, visualisiert und zu transitorischen Online-Dokumenten zusammengestellt. Druckausgaben hingegen sind nunmehr Bestandteil exakt desselben Workflows: Sie werden ebenfalls auf Knopfdruck, auf eine spezifische Anfrage hin erzeugt, und lassen sich folglich auch in Formaten ausgeben, die entweder in "Scientific Communities" eingesetzt werden (LaTex, RTF, MIF), im Drucksektor eine Rolle spielen (PDF, Postscript), oder für den speziellen Zweck der Ausgabe auf mobilen Endgeräten (WAP-fähige Mobiltelefone, Personal Digital Assistants) zugeschnitten sind. Da man sich bereits im Online-Medium befindet und dessen Kommunikationsprotokolle in der Regel zu Verfügung stehen, lassen sich derart generierte Informationseinheiten ebenfalls über das WWW verteilen, z.B. in Form eines Newsletters per Email-Protokoll oder als Download-Datei zum Abspeichern auf der Festplatte des eigenen Rechners.

Darüberhinaus zeigt das KVV mehrere Aspekte eines interaktiven WWW-Informationssystems exemplarisch auf: Neben einer Archivierung von Veranstaltungsdaten (Datenbank mit der Möglichkeit, SQL-Anfragen durchzuführen) erfolgt eine zeit- und personalreduzierende Optimierung des Erstellungsprocedere durch die gleichzeitige Produktion der Druckversion, die als zustellbares Download-Dokument verteilt wird. Über ein XML-File wird Fremdinstituten die Gelegenheit zur Partizipation geboten; sie übernehmen den Inhaltsblock im Sinne einer Content Syndication und bauen die Informationen in das eigene Layout ein.

In einem derartigen Workflow wird den Autoren ein hohes Maß an Verantwortlichkeit zuerkannt. Persönliche Homepages der Dozierenden sind nun auch im Sinne des Publikationsprozesses persönliche Werke der Autorin bzw. des Autors und können unter Nutzung der zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten zu beeindruckenden, wissenschaftlichen Selbstdarstellungen erwachsen. Im Gegenzug werden Studierende befähigt, Thesenpapiere, Referate, Seminarprotokolle und Bilddateien ("Dias") als veranstaltungsvorbereitende "Previews" ihren Kommilitonen online zur Verfügung zu stellen. Auf diese Weise lassen sich die ohnehin knappen Zeitbudgets in Offline-Seminaren sinnvoll nutzen, z.B. für Diskussionen, für die gemeinsame Erarbeitung seminarspezifischer Inhalte, etc. mit der Folge einer bewussten Aufwertung des klassischen Seminars.
Analoge Funktionen übernehmen zudem die an verabredete Zeiträume gebundene Echtzeit-Kommunikation (Chat) sowie das zeitunabhängige "Posting" von Beiträgen (Newsgroups bzw. Bulletin-Boards). Sie bieten die Gelegenheit zur Diskussion außerhalb der Veranstaltungszeiten.

Und schließlich eröffnen sich bei intensiver Arbeit mit dem System Szenarien, die in aktuellen Diskussionen unter dem Schlagwort Knowledge Management zusammengefasst werden: die Schaffung eines Mehrwerts durch die gezielte Auswertung von Informationsquellen, die im Sinne der "Best Practice" (noch) als Alltagswissen charakterisiert werden.
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