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Kurzschlüssige Verkoppelungen und die Koinzidenz von technischer Innovation, gesellschaftlichem Wandel und Bildung haben derzeit Konjunktur, doch ob das Verlassen ausgetretener Pfade wirklich den erhofften Erfolg bringen wird, ist derzeit noch nicht abzuschätzen. Insbesondere seit der Popularisierung des weltumspannenden Netzwerks "Internet" in Form des World Wide Web gewinnt der medientheoretisch formulierte Aspekt der Digitalisierung bildungsrelevanter Informationsangebote eine konkrete alltagspraktische Bedeutung - zunächst im bildungspolitischen Bereich: So entwirft das BMBF im Rahmen einer in 2000 publizierten Perspektive zu den angestrebten Einsatzfeldern von Informationstechnologien im Hochschulsektor ein Szenario, das gezielt auf eine bevorstehende Veränderung von Bildungsinhalten, Methoden des Wissenserwerbs und der Wissensvermittlung hinweist. Im Mittelpunkt stehen neben einem hochschulinternen "Ausbau von IT-Infrastrukturen" vor allem die Entwicklung neuer Lehr- und Lernkonzepte sowie die Entwicklung von Inhaltssoftware für die Hochschullehre. Infolge einer faktischen Allgegenwärtigkeit - und damit ständigen Verfügbarkeit - netzbasierter Funktionen prognostiziert das BMBF die Herausbildung "neuer Lernformen an Hochschulen" sowie den Einzug von Informationstechnologien in deren Alltag. Idealerweise sollen Studierende dann die Möglichkeit haben, sich von jedem Punkt der Hochschule in das Netz einzuwählen, um so auf ihre Lehr- und Lernsoftware zuzugreifen. (38) Die Hochgeschwindigkeitsverbindungen eines Next Generation Internet ermöglichen es, dass Lehrende und Studierende mit Dutzenden von Ausgabegeräten arbeiten können. Videotechnik wird zum allgegenwärtigen Präsentationsstandard und die "wireless world" ermöglicht ein "being online" zu jeder Zeit, an jedem Ort. (39) Ging es noch vor der breiten Etablierung des WWW in den Achtzigerjahren vermehrt um die Vermittlung von "Technik- und Medienkompetenz", so wird heute eine ganz grundsätzliche Weiterentwicklung der "Bildungsziele und Lehr- und Lehnmethoden" durch den Einsatz von neuen Medien gefordert, möglichst unter Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Technologienutzung. (40) Der Computer als didaktisches Medium steht in diesen Entwürfen zur Zukunft von Wissen und Bildung im Mittelpunkt. Viele Eigenschaften, die heute dem Computer in diesen programmatischen Entwürfen zugeschrieben werden, stammen schon aus den Sechzigerjahren. Schon damals, in der ersten Phase der Medieneuphorie, prägten technisch orientierte Mythen die Vorstellung vom didaktischen Computermedium wie der Information, des informierenden Mediums und der Lehrmaschine. (41) Dabei ist die Wirksamkeit didaktischer Computermedien bzw. die pädagogische Funktion technischer Medien bis heute noch nicht prinzipiell geklärt. In einer Studie zum Einsatz von Multimedia in der Bildung des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (42) wird deutlich, dass prinzipielle Aussagen zur Lernwirkung von Multimedia und neuen Medien in der Bildung nach heutigem Erkenntnisstand kaum möglich sind. (43)




38 Bundesministerium für Bildung und Forschung: "Anschluss statt Ausschluss". IT in der Bildung, BMBF Publik 2000, S. 25ff.zum fliesstext

39 Für den Eintritt in das Zeitalter einer "wireless world" hat das BMBF im Jahr 2001 zuletzt im Programm der Notebook University 50 Mio. DM für die Entwicklung von Lernmodulen und -methoden zur Verfügung gestellt, die auf kabelloser Funktechnik beruhen (W-LAN Technik).zum fliesstext

40 Technologie ist wie kaum ein anderer Bereich der Gesellschaft eng verknüpft mit Konzepten von Männlichkeit, und wie jede Technologie ist auch der Computer besetzt mit geschlechtsspezifischen Zuschreibungen. Die Auswirkungen dieser Zuschreibungen werden auch im Zusammenhang der Erstellung von virtuellen Lernumgebungen und dem Einsatz neuer Medien in der Beildung seit einiger Zeit reflektiert: Ingeborg Reichle: "Keine Angst vor dem Cyberspace: Frauen und Neue Medien in der Bildung". In: Die Philosophin. Forum für feministische Theorie und Philosophie, Heft 23, Jg. 12, Tübingen 2001, S. 137-139; Ellen Cronon Rose: "This Class Meets in Cyberspace: Women's Studies via Distance Education". In: Gail Cohee et al. (Hg.): The Feminist Teacher Anthology: Pedagogies and classroom strategies, New York 1998; Heidi Schelhowe: "Technologie mit neuem Gesicht und altem Geschlecht?". In: Olga Drossou et al. (Hg.): Machtfragen der Informationsgesellschaft. Forum Wissenschaft. Marburg: BdWi-Verlag 1999; Dies.: "Interaktivität der Technologie als Herausforderung an Bildung". In: Jahrbuch Arbeit - Bildung - Kultur. Forschungsinstitut für Arbeiterbildung (Hg.). Band 17, 1999.zum fliesstext

41 Vgl. Rupert Röder: Der Computer als didaktischen Medium, Bodenheim 1998, S. 81 ff.zum fliesstext

42 Ulrich Riehm, Bernd Wingert: Multimedia. Mythen, Chancen und Herausforderungen. Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag, Bonn 1995.zum fliesstext

43 Vgl. Röder, a. a. O., S. 9.zum fliesstext

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Auf ein fahrbares Gestell montierte Doppellaterne zur Projektion von Phantasmagorien aus: Stein, Sigmund, Theodor: Das Licht im Dienste der wissenschaftlichen Forschung, 2. Aufl., 2 Bde., Halle/S. 1885, Bd. 2, S. 275-321. (Bildnachweis: Hoffmann, Detlev u. Almut Junker: Laterna Magica. Lichtbilder aus Menschenwelt und Götterwelt, Berlin 1982, S. 30.)